Die Erforschung der Unbekannten: Wissenschaft im Einsatz für die Vjosa-Nebenflüsse

Professor Gabriel Singer (Universität Innsbruck) bei der Probenahme an der Shushica, einem Zufluss der Vjosa. Die gesammelten Daten sollen einen Beitrag leisten, um das gesamte Vjosa-Adernetz unter Schutz zu stellen. © Nick St.Oegger

++ 30 Wissenschaftler*innen aus Österreich, Albanien, Italien und Deutschland untersuchen eine Woche lang die beiden größten Nebenflüsse der Vjosa ++ Die Daten sollen dabei helfen, Wasserkraftprojekte vor albanischen Gerichten zu bekämpfen ++

Tepelena/Brataj (Albanien), Wien, Radolfzell, 3. Juni 2021. Von 29. Mai bis 6. Juni ist eine Delegation von Wissenschaftler*innen aus Österreich, Albanien, Italien und Deutschland an den beiden Haupt-Zuflüssen der Vjosa, Shushica und Bënça, um multidisziplinär Daten zu erheben. Diese Forschungswoche ist die Fortsetzung eines ähnlichen Unterfangens im Jahr 2017 an der Vjosa selbst, das schlussendlich dazu beigetragen hat, den ökologischen Wert der Vjosa zu belegen, Wasserkraftwerksprojekte abzuwehren und den Fluss als Schutzgebiet zu designieren.

In der diesjährigen Forschungswoche, die abermals von den leitenden Forschern Prof. Fritz Schiemer (Universität Wien) und Prof. Aleko Miho (Universität Tirana) organisiert wird, verfolgen die Wissenschaftler*innen ein ähnliches Ziel. Denn während die Staudammgefahr für die Vjosa fürs Erste abgewendet werden konnte, sind ihre Nebenflüsse weiterhin bedroht. An der Shushica sind fünf Wasserkraftwerke geplant und an der Bënça nicht weniger als acht. Die Wissenschaftler erklären, dass für den Schutz der Vjosa auch der Schutz ihrer Zuflüsse essentiell ist, denn die Einzigartigkeit des Vjosa-Flussökosystems gründet auf der Unversehrtheit des gesamten Einzugsgebiets. 

Die Shushica mit der berühmten osmanischen Brücke bei Brataj. Nur wenig oberhalb soll ein Wasserkraftwerk gebaut werden. © Nick St.Oegger

„Wenn man die Nebenflüsse zerstört, wird das unvermeidbar auch die Vjosa zerstören – so wie ein Baum schließlich stirbt, wenn man ihm alle Wurzeln abschneidet“, betont Fritz Schiemer.

Um den Wert dieser malerischen Nebenflüsse aufzuzeigen, ist multidisziplinäre Forschung essenziell. So braucht es 30 Expert*innen mit verschiedenen Schwerpunkten, um einen umfassenden Einblick zu gewinnen: Hydromorphologen, Vegetationsökologen, Algologen, Spezialisten für aquatische und terrestrische Wirbellose, Ichthyologen, Ornithologen, Herpetologen, Experten für Selbstreinigungsprozesse sowie Grundwasserökologen. Die Wissenschaftler*innen scheuten keine Mühen, um an dieser Forschungswoche teilzunehmen und zum Schutz dieses herausragenden Ökosystems beizutragen. „Einmal mehr bieten wir der neugewählten Regierung Albaniens unsere Unterstützung an, dieses einzigartige Flusssystem zu schützen und Europas ersten Wildflussnationalpark zu errichten“, bekräftigt Prof. Aleko Miho.

„Derzeit sind die Wasserkraftprojekte an der Shushica die unmittelbarste Gefahr. Zusammen mit den Menschen, die entlang der Flüsse leben, und mit NGOs sind wir entschlossen, diese Projekte zu stoppen. Für diesen Kampf werden die gesammelten Daten entscheidend sein“, sagt Dorian Matlija, Rechtsanwalt bei der Organisation Res Publica.

Mag. Michaela Brojer aus dem Naturkundemuseum in Wien in Aktion. Sie ist eine von 30 Wissenschaftler*innen, die die Biodiversität der Vjosa-Zuflüsse untersuchten. © Nick St.Oegger

Die Shushica, die Bënça und all die anderen frei fließenden Nebenflüsse sollen Teil des Vjosa-Nationalparks werden – eine Vision, für die sich die Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“ einsetzt – und dafür müssen sie frei von Dämmen bleiben. Wenn auch nur ein Damm gebaut wird, kann der betroffene Fluss nicht mehr in den Nationalpark einbezogen werden. Das würde den lokalen Gemeinden auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Ökotourismus rauben.

Hintergrundinformationen

• Die Wissenschaftler haben im Vjosa Forschungszentrum in Tepelena eine Pressekonferenz abgehalten. Hier geht es zur Aufnahme (Link)

• Die Vjosa ist der letzte große Wildfluss Europas außerhalb Russlands. Ungestört und völlig unverbaut fließt sie über fast 270 Kilometer von den Pindusbergen bis in die Adria.

• Die Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“ hat den Schutz der wertvollsten Flüsse auf dem Balkan zum Ziel, und der Schutz der Vjosa hat hierbei Top-Priorität. Die Kampagne wird von den NGOs Riverwatch und EuroNatur koordiniert und gemeinsam mit Partnerorganisationen aus den Balkanländern durchgeführt. Der Partnerorganisation in Albanien ist EcoAlbania.

• Die Kampagne „Rettet das Blaue Herz Europas“ wird unter anderem von der Manfred-Hermsen-Stiftung unterstützt.

Ein malerischer Ausschnitt der Benca. Dieser Zufluss der Vjosa ist durch 8 Wasserkraft-Projekte bedroht. © Nick St.Oegger

Rückfragehinweis:

Prof Fritz Schiemer – University of Vienna  friedrich.schiemer@univie.ac.at 0043/69910188845
Prof Aleko Miho – University of Tirana – aleko.miho@fshn.edu.al 0035/682707208
Dorian Matlija – ResPublica dorian.matlija@gmail.com 0035/699408875
Besjana Guri – EcoAlbania b.guri@ecoalbania.org 0035/692954214
Cornelia Wieser - Riverwatch cornelia.wieser@riverwatch.eu 0043/6504544784
Anja Arning – EuroNatur, anja.arning@euronatur.org, 0049/7732927213

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